von Oliver Wagner am 19. Juni 2014

Fast vier Jahre sind seit meinem letzten Besuch bei Thomas Bühner in Osnabrück vergangen. Oft habe ich mit dem Gedanken gespielt endlich mal wieder im La Vie einzukehren. Mittlerweile öffnet man dort auch Freitags und Samstags zur Mittagszeit die Pforten und bietet ein kompaktes, viergängiges Menü (89€). Grund genug also die Reise nach Osnabrück anzutreten.

Natürlich war ich sehr gespannt, was sich in den Jahren seit meinem letzten Besuch verändert hat. Damals, der dritte Michelin-Stern war noch nicht verliehen, hatten wir einen durchweg perfekten kulinarischen Abend. Gemeinsam mit Geschäftsfreunden haben wir in einem der Séparées in der ersten Etage gespeist und konnten ein in allen belangen herausragendes Menü genießen, individuell für unsere Runde unter dem Motto Mut & Vertrauen konzipiert. Aber auch die gesamte Atmosphäre war sehr entspannt und überaus freundlich, es schien, alle einte die große Freude an einer unprätentiösen Perfektion, sowohl in der Küche als auch im Service. Es wurde gescherzt, gelacht und gemeinsam mit dem ganzen Team des La Vie auf eine sehr charmante Weise über die einzelnen Gerichte und deren Konzept gesprochen.

Amouse: Gillardeau-Auster unter Alge

Amouse: Gillardeau-Auster unter Alge

Amouse: Kaisergranat, Basilikum, Tomate

Amouse: Kaisergranat, Basilikum, Tomate

Diese durchweg positiven Erinnerungen bildeten so bereits vor dem erneuten Besuch einen Teil meiner Erwartugsskala. Natürlich ist die Atmosphäre im Erdgeschoss des Restaurants eine etwas andere, weniger intim und natürlich folgt ein Mittagsmenü mit vier Gängen (zuzüglich vier zusätzlichen Zwischengängen und Amuse-Gueules) einem anderen Konzept und Rhythmus, als eines der großes Menüs am Abend.

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Tatsächlich mussten wir uns auf diesen etwas zügigeren Mittagsrhythmus erst einstellen. Es began aber nicht nur zügig, sondern auch ausgesprochen famos. Zum Aperitif gesellte sich das erste Amuse-Gueule in Form einer hervorragenden Gillardeau Auster unter krosser Alge. Ebenso zügig wurden die Bestellung für das Menü aufgenommen. Etwas mehr Ruhe, weniger Tempo und Zeit zum Ankommen und für den ersten Drink wären (zumindest in unserer Runde) wünschenswert gewesen. Noch unsicher ob ich mich beim Dessert für die süße Variante oder doch den Käse entscheiden wollte versuchte ich mit Thayarni Kanagaratnam eine Übereinkunft zu finden, eine Entscheidung von derlei Tragweite etwas in den weiteren Verlauf des Menüs hinauszuzögern. So richtig fanden wir da nicht zusammen, mit einem etwas schroffen “Käse bekommen Sie schließlich überall” lies ich mir diese Frage dann auch aus der Hand nehmen und fügte mich dem süßen Schicksal.

Gänseleber

Gänseleber als Crème, Coca Cola Gelee, Rucola & Zitronengranitèe

Der erste offizielle Gang gab rückblickend bereits einen Teil der späteren Richtung des Menüs vor. Eine ziemlich mächtige Crème von Foie gras, in schräg gestelltem Porzellan erkaltet und mit einem Coca Cola Gelee überzogen. Optisch nicht wirklich so schön und präsent, wie man es eigentlich aus der Bühlerschen Küche erwarten würde – und leider auch nicht der wahre Genuss, deutlich zu schwer war die Crème und für mein Empfinden auch in Verbindung mit dem Granitèe als fruchtigem Begleiter nicht ganz in der Balance. So gingen unsere Teller dann auch halbgefüllt und vom Service umkommentiert wieder zurück in die Küche.

Steinbutt

Steinbutt, 2x Brokkoli und Dampfnudeln, Jabugo Schinken und Fond

Es folgte einer toller Steinbutt, gebettet auf verschiedenen Gemüsen und ergänzt um einen separat zu trinkenden Fond vom Jabugo Schinken. Eine tolle Kombination und eine Präsentation die mich gleich wieder versöhnte und an all die tollen Bilder von harmonischen und aufwendig arrangierten Kompositionen aus Bühners Küche erinnerte, denen ich in den letzten Jahren stets mit so viel Begeisterung folgte.

An dieser Stelle im Menü hatte ich mir allerdings die im Web (nach wie vor, übrigens) annoncierte (keine) Bouillabaisse Calamari, Knurrhahn gewünscht. Immerhin einer der absoluten Klassiker des Hauses. In Vorbereitung unseres gemeinsamen Lunches hatte ich sogar noch an meine Tischgesellschaft diesen Artikel aus der Welt zu eben diesem Gang verschickt. Der Steinbutt war ganz ohne Frage ein guter Ersatz, trotzdem finde ich es sinnvoll die Menüs im Web der servierten Realität anzugleichen um so (eigentlich ungerechtfertigten) Enttäuschungen vorzubeugen. Managing Expectations.

Kartoffelpüree, Curryeis

Kartoffelpüree, Curryeis

Lamm

Lammrückenfilet in Knoblauch-Korianderkruste, Comté als Tarte, Süßkartoffel, Weizengras

Das Lamm war nicht nur der Hauptgang, sondern auch das eindrucksvoll gesetzte Highlight des Menüs. Ein exzellentes Produkt, perfekt gegart und zusammen mit der Süßkartoffel und der Comté Tarte toll kombiniert. Allerdings – und das zog sich bislang fast durch das ganze Menü – ist auch auf diesem Teller vieles püriert, geschäumt oder zu Créme oder zarter Tarte verarbeitet.

Predessert

Predessert

D

Tanariva Lactée mit marinierten Kirschen und karamellisierter Quinoa

Beim Dessert aus den Händen von Pâtissier René Frank muss ich anerkennend zugeben, dass ich hier in die genau richtige Richtung geschubst wurde. Hier stimmt dann wieder alles, die wunderschöne Präsentation, das tolle Spiel der Kirsche in unterschiedlichen Texturen mit der Schokolade (Tanariva Lactée ist ein „Grands Cru de Terroir“ aus Madagaskar).

Es gibt gar nicht so viele konkrete Punkte an denen ich meine leichte Unzufriedenheit festmachen kann. Nicht alle Gerichte haben wirklich überzeugt, zu viele war mir püriert, aufgeschäumt oder in anderen Zubereitungen seiner natürlichen Form und Konsistenz mitunter grundlos beraubt. Der Service schien nicht wirklich bei der Sache zu sein, zumindest nicht so aufgeschlossen und verbindlich wie man es sich vielleicht wünscht. Vielleicht war es aber auch einfach kein optimaler Tag, man kann schließlich nicht hinter die Kulissen blicken.

Ganz unabhängig davon bin ich nach wie vor fest überzeugt im La Vie fantastische Gaumenfreuden finden zu können, ich für meinen Teil beim nächsten Mal vielleicht aber doch eher wieder Abends und in einem etwas ruhigeren Setup…

La Vie
Krahnstr. 1-2
49074 Osnabrück
Fon: 0541 – 33 11 50
Mail: [email protected]

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