von Oliver Wagner am 19. Dezember 2012

Wenngleich der Zweck meiner Reise ein geschäftlicher war, kommt es dem kulinarisch interessierten Foodblogger in mir natürlich extrem entgegen, wenn in einem Land so gerne und gut gegessen wird, wie in Armenien. So haben wir es in zwei Tagen geschafft, vier verschiedene Restaurants zu besuchen, zwei davon auf Einladung der Organisatoren und Veranstalter der Armnet Conference, auf der ich einen Vortrag zum Thema Social Media Analytics und CRM gehalten habe. Mir wurde glaubhaft versichert, dass ich in alle relevanten Bereiche der nationalen Küche recht gut Einblicke gewonnen habe. Überhaupt habe ich das Gefühl auch abseits der Kulinarik, ziemlich viel gesehen zu haben.

Khash

“Natürlich!”, habe ich gesagt. Als ob ich mir je eine Einladung zu einem traditionellen Essen entgehen lassen würde. Khash, so habe ich nachher recherchiert, ist nicht nur Tradition sondern gilt in Armenien als besondere Delikatesse und wird üblicherweise im Rahmen eines Festes innerhalb der Familien gegessen. Ein Khash benötigt etwas Vorlauf in der Zubereitung, besteht es doch primär aus den über 24 Stunden gekochten Füßen des Rinds. Durch diesen intensiven Garprozess löst sich das Fleisch vom Knochen, Knorpel zerfällt und es entsteht ein intensiver, aber zunächst ungewürzt servierter Sud. Es obliegt dann jedem Gast, seine persönliche Portion so zuzubereiten, wie es den persönlichen Präferenzen entspricht. Damit der Sud nicht auskühlt, wir er in eine Tonschale über heißen Kohlen gereicht. Man würzt mit Salz und einer Knoblauchpaste, trennt Fleisch vom Knochen und gibt kleine Stücke vom Lavash (ungesäuertes Fladenbrot) dazu. Gegessen wird mit der Hand oder einem weiteren Stück vom Fladenbrot.

Foto von Matoss

Foto von Matoss

Es gibt mindestens zwei Überlieferungen für die Herkunft dieses traditionellen armenischen Gerichtes. So galt es früher zum einen als rustikales Essen der armen Leute, denen nur die Reststücke der Tiere zur Verfügung standen, zum anderen aber auch als Stärkung der Soldaten vor dem Kampf oder vor langen Märschen. Auch heute noch wird von der gesundheitsfördernden Wirkung berichtet.

Da sich über die Jahre die Verdaulichkeit allerdings nicht wesentlich verbessert hat, wird ein Khash früh am Tage gegessen und von reichlich Wodka begleitet, zudem gilt es nach wie vor eher Event für Männer -um so schöner, dass wir es ein einer gemischten Runde genossen haben.

Chinkali

Noch während wir Mittags in gemütlicher Runde bei unserem Khash sassen, haben wir schon über interessante Gerichte und Optionen für den weiteren Verlauf des Tages philosophiert. Chinkali sollte ich probieren, war schließlich der einige Tenor am Tisch. Zwar stammen diese eher aus der georgischen Küche, aber die gilt ohnehin als ausgesprochen gut, zum anderen ist Georgien schließlich auch direkt nebenan. Da ich ein großer Freund von Pelmeni bin und Chinkali so etwas wie die goßen Verwandten sind, war ich auch auf diese Wahl sehr gespannt. Natürlich blieb es nicht bei den Chinkali. Wie üblich haben wir zunächst mit verschiedenen Vorspeisen und Käsen begonnen, anschließend kleinere und größere Fleischzubereitungen gekostet und langsam auf das Ziel hingearbeitet:

Foto von Freddolosa

Foto von Freddolosa

Es gibt natürlich unterschiedliche Füllungen und Varianten, regionale Unterschiede und Besonderheiten. Allen gemein ist, dass die Teigtaschen mit der Hand gegessen werden, wobei man zunächst vorsichtig ein kleine Loch in den Teig beißt – sonst droht der gesamte flüssige Teil der Füllung direkt herauszulaufen. Anschließend arbeitet man sich so weiter fort, lässt allerdings die Spitze, also de Teil, an dem die Chinkali zusammengedreht wurde, über.

Ein wunderbares Gericht, das eigentlich nicht bis zum nächsten Armenienbesuch warten kann und bei sich bietender Gelegenheit Einzug in meine heimische Küche halten sollte (zahlreiche Rezepte finden sich glücklicherweise bei Youtube).

Tumo Center for creative technologies

Manchmal sind es auch die Zufälle, die einen an die interessantesten Plätze führen. Das Tumo Center ist sicherlicher einer davon – und ich habe mich sehr gefreut eine persönliche Führung durch das von Sam und Sylva Simonian, vermögenden Exil-Armeniern, gegründete Technologiezentrum zu erhalten. Auf über 7.000 Quadratmetern haben sie hier einen Ort geschaffen der sich rund um die kreative und digitale Ausbildung der kommenden Generation dreht. Kostenlos für die Studierenden und auf extrem hohem Niveau, inhaltlich wie didaktisch.

tumo

Auf perfektem technischen Niveau werden Kids zwischen 12 und 18 mit den digitalen Disziplinen Design, Film, Games und Musik vertraut gemacht. Es gibt ein kleines, eigenes Kino (übrigens das beste in Eriwan), eigene Games-Rooms mit den aktuellsten Blockbustern für Playstation 3, Wii und Xbox 360 sowie Band- bzw. Proberäume. Regelmässig halten internationale Experten und Künstler, wie zuletzt Serj Tankian, Vorträge und Seminare. Und irgendwie steht Tumo auch insgesamt als Symbol für den Aufbruch in eine neue, noch bessere Zukunft. Zumindest freut sich die ansässige IT-Branche schon sehr auf die jungen Talente…