von Oliver Wagner am 28. September 2012

Warum in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah.

Im Falle des Chezfou sogar in absoluter und somit höchst gefährlicher Walking Distance.

Viel habe ich bereits gelesen, in der Presse und natürlich in dem ein oder anderen Blog, gilt das Chezfou doch im Augenblick als die Empfehlung in Hamburg. Tatsächlich haben wir es ungeachtet des kurzen Weges erst vorgestern geschafft, unseren ersten Besuch in der Leverkusenstraße zu machen.

Auf dem Gelände des durchweg perfekt renovierten Fabrikareals findet man im Souterrain die Weinbar und das Restaurant, eine große Terrasse soll es ebenfalls geben, in den kommenden acht bis zehn Regen- und Wintermonaten hier in Hamburg ein allerdings zu vernachlässigendes Detail.

Das Chezfou entspringt dem kreativen Genius von Gastronom Milenko Gavrilovic, zu dessen kulinarischem Imperium auch das Eisenstein und das Marseille zählen, sowie Boris Kasprik, der die Regie in der Küche führt und, so hat es Stevan recherchiert, bereits auf diese Stationen zurückblicken kann: De Karmeliet (Brügge, 3 Sterne), Jean Claude Bourgueils Schiffchen (Düsseldorf, 2 Sterne), Ryu-Gin (Tokio, 3 Sterne). Er hat außerdem – und plötzlich wird alles sehr klar – zwei Jahre bei Alain Ducasse gearbeitet.

Da uns am späten Abend der Sinn eher nach einer Kleinigkeit, denn nach einem ganzen Menü stand (4 Gänge 57,- EUR, 5 Gänge 69,- EUR), haben wir á la Carte gewählt.

Gruß aus der Küche

Schon der kleine, fischige Gruß mit Wachtelei aus der Küche überrascht positiv, ebenso übrigens auch der Inhalt des Brotkörbchens.

Pochiertes Landei, Champignoncreme und Serranoschinken

Auf der gegenüberliegenden Tischseite wird die Speisefolge mit einem weiteren Ei begonnen, allerdings in diesem Fall pochiert und unter einer krossen Schinkenhaube serviert und auf gehobelten Champignons gebettet, auf meiner Seite mit einer überraschend süßen und mandelig-knusprigen Praline von der Foie Gras, gefüllt mit einem flüssige Kern von der Mirabelle.

Praline von der Gänsestopfleber mit Holunderbeergelee und Mirabellen

Für den Hauptgang habe ich mich auf Empfehlung des sehr freundlich und kompetenten Services für die Taube entschieden. Eine gute Empfehlung, wie sich zeigt und bereits auf dem Weg zum Signature Dish des Chezfou zu werden, so hört man.

Étouffée Taube, vergessene Rüben und Pastinakenpüree

Neben mir wird eine vegetarisches Pastagericht gegessen. Leider ohne große Begeisterung, was natürlich nicht auf die Begleitung sondern ausschließlich die verkochten Konsistenz der Bandnudeln zurückzuführen ist. Ein Gericht übrigens, dass nur durch unser Nachfragen den Weg auf diesen Tisch fand. Denn, so scheint es, auf Gäste die eher fleischfrei essen möchten, ist man hier nicht direkt eingestellt. Sehr erstaunlich eigentlich.

Als wiederum sehr angenehme Überraschung aus der Küche wird vor dem Dessert noch ein kleiner süßer Gruß eingeschoben.

Gruß vor dem Dessert

Bei der Auswahl des Desserts tat ich mich ausnahmsweise schwer. Es galt zwischen einem Rhônetal Pfirsich „Melba“, Mille feuille von der Guanaja Schokolade oder einem „Baba“ vom Matcha Tee mit Sorbet von der Williamsbirne zu wählen. Auf den ersten Blick nichts, das mich direkt angelacht hätte. Aber natürlich siegt die Neugier und so findet besagter Baba den Weg auf meinen Teller:

„Baba“ vom Matcha Tee mit Sorbet von der Williamsbirne

Das Sorbet sowie die dazu gereichten Scheiben von der Birne sind wunderbar fruchtig und intensiv. Schlichtweg ein Traum. Das Baba (oder der Baba?) entspricht im Prinzip der Beschreibung und vielleicht ist das genau das Problem. Sehr fest und massiv liegt es auf dem Teller, grünlich und feucht glänzend. Und fast genau so wandert er leider auch wieder zurück in die Küche. Und verschwindet fairerweise und ohne Aufforderung auch direkt von der Rechnung. Respekt.

Friandise

Der süße Zahn kommt schließlich aber doch noch mit verschiedenen kleinen Leckereien zum Kaffee auf seine Kosten. So beschließen wir einen schönen Abend im Chezfou. Nicht alles war ganz perfekt, aber vieles. Und das dafür in einem Maße, dass kleinere Probleme sofort vergessen macht. Beim nächsten Mal kommen wir zu Fuß um einen noch intensiveren Blick auf die umfangreiche Weinkarte werfen zu können.

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