von Oliver Wagner am 1. April 2016

Pizza ist nicht weniger als ein globales Kulturgut. Eine Handvoll exzellenter Zutaten, maximale Hitze, kulinarischer Sachverstand und das Herz eines großen Pizzabäckers können das Fundament eines fast unvergleichlichen Genusses bilden. Eine der ersten Adressen für diese Wunschkombination findet sich derzeit in einer Seitenstraße im hippen Londoner Shoreditch.

Wobei Pizza eigentlich ein Überbegriff für ganz unterschiedliche Varianten flacher, belegter Backwaren ist. Das typische Bild ist dabei in den meisten Fällen natürlich die Pizza Napoletana, also die traditionelle, neapolitanische Rezeptur, deren Herstellungsweise und die Verwendung der korrekten Zutaten regelmäßig kontrolliert wird. Die Geschmäcker und Vorlieben sind aber auch bei Pizza vielfältig. Es gibt zahllose regionale Varianten,  die Urväter der italienischen Pizza etwa, wie die Foccacia aus Ligurien oder die apulische Pizza pugliese und natürlich auch Rezepte aus dem orientalischen Raum oder die griechische Pita. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts ergänzt die eher dicke und teigige amerikanische Variante der Pizza den Reigen der Möglichkeiten.

Es wäre vermessen zu behaupten, es gäbe in diesem Kosmos nur die eine, wahre Pizza. Letztlich bestimmt die eigene kulinarische Vita die Präferenzen und somit zum Teil auch die Kindheitserinnerungen, die geweckt werden, wenn eben eine solche Pizza serviert wird. So auch der Konsens einer aktuellen Ausgabe des fabelhaften Podcasts The Menu von Monocle. In eben dieser Sendung traf sich Host Markus Hippi in London mit Daniel Young, Herausgeber des in kürze erscheinenden Where to eat Pizza von Phaidon. 1.700 der besten Locations in 48 Ländern hat Young mit seinen Co-Autoren zusammen getragen. Und seine Empfehlung für London ist das Story Deli.

Wenige Tage nachdem ich dieses Interview hörte, verschlug es mich ebenfalls nach London. Und natürlich machte ich mich auf die Suche nach diesem unscheinbaren Seiteneingang, ganz ohne Schild und Hinweis. Hier in der Bethanal Green Road soll er sich verstecken, der direkte Zugang zum Londoner Pizzahimmel, nur wenige Meter von der Shoreditch Hightstreet entfernt.
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Und tatsächlich ist das Story Deli nicht nur wunderhübsch, hell und dank riesiger Dachfenster lichtdurchflutet – es herrscht hier auch eine wahnsinnig freundliche, fast familiäre Atmosphäre. Ganz weit weg von dem klassischen dekorativen Einerlei typischer, eher schlechter italienischer Restaurants.

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Auch die Pizza ist komplett anders. Für den Teig wird keine Hefe verwendet. Das Mehl kommt direkt aus Italien. Nur mit eben diesem Mehl, so wurde mir erläutert, gelingt das gewünschte Resultat: Eine hauchdünne und durchgehend superknusprige Pizza. Die Ränder schlagen leichte Blasen – das Geheimnis des italienischen Mehls entfaltet hier seine Wirkung.

Wir probierten eine sensationelle Margherita (wunderbar süße Tomaten, nur ein Hauch von Büffelmozarelle und Parmesen) und eine der Varianten aus dem Menü mit Chorizo, Pilzen, roten Zwiebeln, Rosmarinöl und gerösteten Kräutern. Mit jedem Zug des Pizzamessers knackt die Pizza mit lautem Knuspern auseinander, feine, krosse Teigstücke zerbersten und setzen neue Schwaden des köstlichen Duftes frei, daneben tropft feines Olivenöl in das man die kleinen Teigfragmente tunken möchte. Großartig!


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2DSCF6075Bleibt, mich dem Urteil von  Markus Hippi und Daniel Young bedingungslos anzuschließen. Das Story Deli bietet nicht nur eine sensationelle Pizza in fabelhafter Atmosphäre – es zeigt auch, wie weit und wunderbar Pizza interpretiert werden kann, wenn sie mit Liebe und Sachverstand zubereitet wird…
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