von Oliver Wagner am 10. Februar 2015

Es war ein Abend mit mehrfachen Premieren. Zunächst mein erster Besuch auf der Berlinale, passenderweise im Rahmen des kulinarischen Kinos, in das Kurator Tommy Struck seit nunmehr zehn Jahren entführt.

Ausserdem fand an diesem Abend die erste Aufführung von Fucking Perfect statt, einer Dokumentation von Wilhelmiek Kluijfhout über den rauen und dem Streben nach Perfektion gewidmeten Arbeitsalltag im Oud Sluis, dem ehemals mit drei Sternen, und als nur eines von zwei Restaurants weltweit mit 20 Gault Millau Punkten, gekrönten Restaurant von Sergio Herman.

Ein großartiger Film. Es war sicherlich kein Zufall, dass Kluijfhout ausgerechnet die beinahe zweijährige Phase begleitete, die letztlich zur Schließung des Oud Sluis führte. Man kann Herman nicht genug Respekt zollen, für die große Öffnung, die er dem Filmteam gegenüber zeigte. Man gewinnt das Gefühl er hätte die Kamera irgendwann nicht mehr wahrgenommen. Gleich ob am Pass, auf Reisen und bei Vorträgen, im Gespräch mit seinen Eltern oder zuhause bei der Familie. Dort agierte auch Ellemieke, die Ehefrau und zweite Protagonistin des Films. In vielen Gesprächen zeichnet sie das Bild weiter und geht mit ihrem Mann schonungslos aber gleichzeitig voller Verständnis ins Gericht. Sie berichtet von den deutlich erkennbaren ersten Anzeichen eines Burnouts, die mit dem täglich bis zu 20 Stunden andauernden Perfektionismus Sergio Hermans einhergehen. So sieht man langsam und mit Wehmut bei der Schließung des Oud Sluis zu – und freut sich über das neue Projekt von Herman, das The Jane in Antwerpen. Was natürlich ohnehin und unbedingt eine Reise wert ist.

Es entstand das Porträt eines Menschen voller Widersprüche und Sehnsüchte, mit der Energie eines Kampfstieres, der gleichzeitig mit großer Zärtlichkeit Kräuter pflückt und die filigransten Teller anrichtet.

Fucking Perfect ist (m)eine unbedingte Empfehlung, bleibt nur zu hoffen, dass sich bald ein Verleih findet, der den Film bundesweit in die Kinos bringt.

Das begleitende Menü, das jede Vorführung des kulinarischen Kinos auszeichnet, stammte an diesem Abend von Tohru Nakamura (1 Michelin-Stern) aus Geisels Werneckhof und war nicht weniger als eine Hommage an die Epoche des Oud Sluis. Über zwei Jahre lang hat Nakamura dort mit Herman zusammengearbeitet (nicht für, sondern mit ihm, wie er stets betonte), gegen Ende schließlich in der Rolle des Sous-Chef.

Nakamura servierte in vier Gängen Köstlichkeiten wie “Blaumuscheln, Ceviche, Quinoa”, “Jakobsmuschel, Chinakohl, Hijiki-Algen, Muschelschalen-Mousseline” und eine wirklich exzellente “Seeforelle aus Epfenhausen, in Verjus gepickelte Nashi Birne, geröstete Topinambur, Kapern-Brunnenkresse-Öl”.

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