Man kann durchaus skeptisch werden, wenn man die vielen Lobeshymnen auf das Restaurant Pjoltergeist in den internationalen Foodblogs und -magazinen liest. Oder, man macht es so wie ich neulich und verschafft sich selbst ein Bild von dem, was Atli Mar Yngvason und sein Team dort in Oslo treiben.

Der unscheinbare Hauseingang in der Rosteds gate 15 B wirkt eher, als würde er zu einer etwas verranzten Kneipe führen. Eigentlich täuscht das Bild auch gar nicht, denn genau eine solche Kneipe, genau genommen eine Bar der Hells Angels, war vor dem Einzug des Restaurants hier beheimatet – und die Umbau- und Renovierungsmaßnahmen seit dem, nun ja, eher überschaubar. Es ist dunkel, voll und laut.

Zuper Pakki nennt sich das etwa zehn Gänge umfassende große Menü. Und genau dafür habe ich den Abstecher nach Oslo gemacht. Dazu, so habe ich es mit Sverre, dem Inhaber und Weinexperten im Pjoltergeist besprochen, probiere ich mich durch das recht große Angebot offener Natural Wines. Kaum sitzt man an einem der eng gestellten Tische, kommt man mit den Nachbarn rechts und links ins Gespräch. Dabei geht es um die Gerichte im Pjoltergeist, um Oslo im Allgemeinen und nebenher erfahre ich noch von der ein oder anderen spannenden Neueröffnung in der Stadt, die ich vielleicht am folgenden Tag noch besuchen werde. 18 Stunden, so wurde mir schon auf dem Fußweg von meiner Airbnb-Unterkunft zum Restaurant klar, sind viel zu wenig für diese Stadt!

Es geht los mit einem Glas El Bandito Skin von Testalonga und Bacon Chips. Vegetarische Gerichte stehen im Pjoltergeist nicht so wahnsinnig hoch im Kurs. Bei dieser fettigen Knusperei bleibt etwas Zeit, die Karte in Ruhe zu studieren, die freundlicherweise für mich um handschriftliche englische Übersetzungen erweitert wurde.

Richtig spannend wird es mit Tako-yaki, kleinen Tintenfisch-Bällchen unter einer üppigen Schicht von Katsuobushi, also getrocknetem und geräuchertem Bonito, dazu eine intensive Kräuter-Mayonaise und eine an Teriyaki erinnernde Sauce. Das ist Comfort-Food vom aller feinsten: scharf, süß, knusprig.Deutlich feiner der nächste Gang mit einer Stange frittierten Spargels unter einem kleinen Berg von Parmesan, dazu eine Estragon-Mayonaise. Etwas schwierig mit Stäbchen und den Fingern zu Essen – aber auch das gehört zum Konzept im Pjoltergeist. Klasissches Besteck sucht man bei den meisten Gerichten vergebens -dafür wird mit Servietten nicht gespart.
Eigentlich als Sharing-Gericht für zwei Personen gedacht, habe ich nun alleine das Vergnügen mit einer ganzen, gegrillten Makrele. Der Fisch ist pur, außen kross geröstet, innen beinahe roh. Dazu ein leichter kleiner Salat – und im Glas bin ich derweil bei einem biodynamischen Matassa blanc angekommen.
Die Artischocke des nächsten Gangs wird durch eine kräftige Rinderbrühe, viele Zwiebeln, einem intensiven Püree und knusprigen Bacon(?)-Chips zu einem erstaunlich kräftigem Teller. Ebenfalls sehr lecker – dabei hieß es, dass Küchenchef Atli Mar Yngvason Gemüse, vor allem Artischocken, so gar nicht ausstehen kann.
Nach vielen asiatischen Anklängen geht es mit dem nächsten Gang in Richtung Südamerika. Bis vor ein paar Tagen wurden die Tacos noch mit selbst aus Mexiko importierten Heuschrecken gereicht. Vielleicht ganz gut, denke ich, dass die heute Abend aus sind. Aufgrund der zunehmenden Lautstärke ist die genaue Zusammensetzung der Zutaten nicht ganz zu mir durchgedrungen. Auf jeden Fall sind die Tacos extrem würzig und neben einem gezupftem Fleisch vom Managlitza Schwein finden sich auch immer wieder kleine aufgepoppte  Fragmente von der Schwarte dazwischen.

Der Hauptgang führt dann wieder weiter östlich zu koreanischem Bulgogi, einem kross gegrillten und tranchiertem Entrecôte mit einer Paste von schwarzen Bohnen, einer Chili-Mayonaise, Salatblättern zum Einwickeln und einer Pipettenflasche mit fermentierter Chilli. Dazu ein Glas Riesling von Egon Müller.
Das Happy Ending kommt in Form einer Nocke Karamelleis mit Crumble und, standesgemäß einem Drink aus der Pjolter Karte. Währenddessen füllen sich die umgebenden Tische noch ein weiteres Mal – die Küche hat hier mindestens bis Mitternacht geöffnet. Auch das sicher ein weiterer Grund, warum das Pjoltergeist gerade bei Gästen aus der Gastronomie so beliebt ist.

Die Kombinationen aus der überaus lässigen Atmosphäre, lauter Musik und vielen kleinen Soulfood-Gerichten mit teilweise außergewöhnlichen und hochwertigen Produkten, der sensationellen Weinkarte mit vielen offenen Positionen und den (für norwegische Verhältnisse) insgesamt moderaten Preisen macht das Pjoltergeist zu einer ganz besonderen Adresse. Zugegeben, man muss das alles mögen und wollen – ich mag und will das genau so sehr gerne. Und beim nächsten Besuch in Oslo hänge ich einfach noch ein paar Tage dran, denn hier gibt es noch viel zu entdecken.

Pjoltergeist
Rosteds gate 15 b
0178 Oslo, Norwegen

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